Roadtrips, Städtetrips
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Auf der Jagd nach dem „Gendarm von Saint-Tropez“

Der Esel vor der Hafenkulisse von St. Tropez

„Ich fahre dich bis ans Ende der Welt, wenn es sein muss.“ Gibt es eine schönere Liebeserklärung vom besten Mann der Welt? Gerade habe ich ihm erzählt, dass ich einen Hotelgutschein für Marseille gewonnen habe. Ich war ohnehin dabei, unseren Roadtrip durch Frankreich zu planen, aber ein Abstecher ans Mittelmeer war mir bisher zu weit und daher nicht vorgesehen. Nun also auch noch Marseille.

Der Mann wirft einen Blick auf die bisherige Reiseroute und die Landkarten. „Oh, Marseille ist doch super. Dann können wir einen Ausflug nach Saint-Tropez machen.“ Woher kam das denn nun wieder? Ich verband mit Saint-Tropez nur die gleichnamige TV-Serie, die vor Jahren im Nachmittagsprogramm lief, wenn ich aus der Schule kam und erst einmal etwas abschalten wollte. Als Reiseziel erschien es mir nicht sonderlich attraktiv.

Mit leuchtenden Augen erzählt mir der Mann dann von den Filmen mit Louis de Funès. Er liebt diesen Humor und möchte die Gelegenheit nutzen, auf Spurensuche an Originalschauplätzen zu gehen.

Den „Gendarm von Saint Tropez“ spielte de Funès erstmals 1964 und dann noch fünf weitere Male. Als Gendarm Ludovic Cruchot schlägt er sich auf aberwitzige Art mit seiner Tochter und den großen und kleinen kriminellen Problemen von Saint-Tropez herum. Die Rolle als cholerischer Kleinbürger machte ihn europaweit bekannt und auch in Deutschland zu einem beliebten Komiker.

Ich selbst hatte zwar irgendwann auch einmal Filme mit Louis de Funès gesehen, aber meine Art von Humor traf er nicht so. Ich bevorzuge den trockenen und schwarzen Humor von der britischen Insel. Aber nun gut, wie könnte ich diese Bitte, auf die Suche nach dem „Gendarm von Saint-Tropez“ zu gehen, abschlagen, wenn doch der Mann bereit ist, mich bis ans Ende der Welt zu fahren?

Der Esel am Strand der Côte d’Azur

Der Esel am Strand der Côte d’Azur

Einige Wochen und tausende Kilometer später…

Mit Schwung nimmt der Mann die Kurven der Serpentinenstraße entlang des Mittelmeers. Die Fenster unseres alten Renault Scénic stehen offen und lassen eine frische Brise herein. Gelegentlich werden wir ausgebremst, von Urlaubern, die nicht so viel Spaß an den Serpentinen finden. Wir aber haben uns ganz gut angepasst – nicht nur fahrtechnisch, auch optisch passt unser leicht verbeultes Auto sehr gut ins französische Straßenbild.

Der Weg von Marseille nach Saint-Tropez direkt am Meer entlang dauert zwar etwas länger als über die Autoroute, bietet dafür schöne Ausblicke aufs Mittelmeer und natürlich auch Gelegenheiten zum Sprung in selbiges. Wir lassen uns Zeit und genießen die Eindrücke der Côte d’Azur.

So sind wir erst am späten Nachmittag in Saint-Tropez. Einen Parkplatz haben wir schnell am Hafen gefunden und auch die Gendarmerie war bereits mehrfach ausgeschildert. Schließlich ist dies das Ziel unseres Ausflugs: ein Besuch des Originaldrehorts vom „Gendarm von Saint-Tropez“. Am Hafen selbst hängt eine Karte mit den wichtigsten Orten von Saint-Tropez. Auch hier ist die Gendarmerie verzeichnet. Ich erlaube mir den Hinweis, dass dies möglicherweise nicht der Drehort ist, sondern die tatsächliche Gendarmerie von Saint-Tropez. Aber der Mann hört schon nicht mehr richtig zu. Er ist jetzt im Louis de Funès Fieber und stiefelt schnurstracks in die angegebene Richtung.

An der Hafenpromenade von St. Tropez

An der Hafenpromenade von St. Tropez

Große Yachten im kleinen Fischerdorf

Die Straßen und Gassen von Saint-Tropez sind dicht bevölkert. Urlauber und Einheimische bahnen sich ihren Weg in die umliegenden Geschäfte, Cafés und Restaurants. Das Hafenbecken ist zu dieser Zeit schon dicht belegt mit Segelbooten und großen Motoryachten. Wer jetzt erst einläuft, hat schon Schwierigkeiten, noch einen Liegeplatz zu finden. Aber wir sind ja auf dem Landweg unterwegs. Wir könnten zwar auch selbst segeln, aber Saint-Tropez mit dem Boot anzusteuern, liegt dann doch über unserem Reisebudget.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen in den Straßen unterwegs sind, hat doch die Stadt nicht mehr als 4500 Einwohner. Aber seit das einstige verschlafene Fischerdorf in den 1950er Jahren Künstler und die High Society anzog, kommen in jedem Jahr etwa 5 Millionen Besucher an den Ort an der Côte d’Azur.

Nicht aufgeben, immer weiter geht die Jagd

Durch die Gassen und Menschenmassen hindurch finden wir jedenfalls unseren Weg zur Gendarmerie. Und es ist, wie ich vermutet hatte: Wir stehen vor einem recht modernen Gebäude, das es vermutlich zu der Zeit, in der die Filme gedreht wurden, noch nicht einmal gab. Enttäuschung zeichnet sich auf dem Gesicht vom Mann ab. Das war nicht, was er erwartet hatte.

„Kopf hoch, wir finden deine Gendarmerie schon noch.“, versuche ich, den Mann aufzumuntern. Ich krame auch schon in meinem Gehirn, nach dem richtigen französischen Satz, um Einheimische danach zu fragen. Irgendjemand kann uns bestimmt weiterhelfen.

Es ist dem Mann auch nur ein schwacher Trost, dass wir sicher schon längst an Drehorten der Filme vorbei gekommen sind und auch die eine oder andere Gasse, die wir passiert haben, in den Filmen Schauplatz ist. An einem Souvenirgeschäft finden wir eine Postkarte, auf der Louis de Funès und die Gendarmerie abgebildet sind. Jetzt wissen wir zumindest schon einmal, nach welchem Gebäude wir Ausschau halten müssen.

Erst einmal gehen wir aber zum Hafen zurück. Auf dem Weg kommen wir am lokalen kleinen Museum vorbei. Hier widmet sich eine Ausstellung gerade dem Leben von Louis de Funès. Dem Plakat entnehme ich, dass ich etwas mit dem Schauspieler gemeinsam habe – wir sind am gleichen Tag geboren. Er am 31. Juli 1914 als Sohn spanischer Einwanderer und ich, nun ja, einige Jahre später. Mehr Details aus seinem Leben – zweimal verheiratet, drei Kinder, Rosenliebhaber, umfangreiches Filmschaffen… – erfahren wir an diesem Abend nicht mehr. Wir sind leider zu spät, um das Museum zu besichtigen. Und so verlischt der kurze Funken Freude in den Augen des Mannes so schnell wie er aufgeblitzt war. Mir tut sein enttäuschter Gesichtsausdruck richtig weh. Da hilft nur noch eines: Essen.

Der Hunger lockt uns in eines der vielen Restaurants. Um unsere Reisekasse zu schonen, wählen wir ein Restaurant etwas abseits, nicht direkt am Hafenbecken, wo die Preise den Passagieren der Luxusyachten angepasst sind. Mit frischen Muscheln und Salat gestärkt setzen wir unsere Jagd fort.

Der Yachthafen von St. Tropez im Abendlicht

Der Yachthafen von St. Tropez im Abendlicht

Die große Welt im Kleinen

Natürlich locken uns durchaus auch die Schiffe im Hafen an. Die meisten Schiffe sind deutlich größer als alles, worauf wir bisher unterwegs waren. Ein Wunder, dass sie überhaupt durch die enge Hafeneinfahrt passen. Auf einer besonders großen Yacht spielt ein kleiner Junge Fußball mit einem uniformierten Steward. Natürlich macht es ihm besonders viel Spaß, den Ball ins Wasser zu schießen, sodass der Steward ihn aus dem Hafenbecken fischen muss. Wir beobachten die Szenerie eine ganze Weile. Nachdem der Ball ein drittes und viertes Mal im Wasser gelandet ist, bin ich mir sicher, dass der kleine Junge das nicht aus Boshaftigkeit tut, sondern tatsächlich nur aus Spaß. Auch der Steward behält seinen lachenden Gesichtsausdruck bei. Vermutlich sind sonst die Möglichkeiten zum Spielen auf einem Boot, und sei es noch so groß, begrenzt.

Der große Traum des Mannes ist seit Jahren eine Weltumsegelung. Sehnsüchtig bestaunt er die verschiedenen Boote und ihre Herkunftsangaben im Hafen. Mir selbst schaudert es eher beim Gedanken an eine Weltumsegelung. Obwohl ich einen Segelschein habe, wird mir auf offenem Gewässer immer furchtbar übel. Ohne Reisetabletten geht da gar nichts. Meine Liebe zum Meer ist trotz meiner Seekrankheit ungebrochen groß. Aber deswegen gehe ich noch lange nicht auf eine Weltumsegelung. Schiffe gucken im ruhigen Hafen, das ist schon eher nach meinem Geschmack.

Der Mann vor der Gendarmerie aus dem Film "Der Gendarm von Saint-Tropez"

Der Mann vor der Gendarmerie aus dem Film „Der Gendarm von Saint-Tropez“

Filmreifes Happy End

Wir reißen uns endlich von diesem Anblick los. Schließlich suchen wir noch immer nach der Gendarmerie aus den Filmen. Einer Eingebung folgend werfen wir noch einmal einen Blick auf die ausgehängte Karte. Und da steht es: Ancienne Gendarmerie – alte Gendarmerie, gar nicht weit von unserem Parkplatz entfernt. „Komm Mann, das liegt auf dem Weg zum Auto.“, sage ich und wir setzen uns wieder in Bewegung.

Kurz darauf stehen wir tatsächlich von unserem Tagesziel. An einem kleinen Platz, auf dem alte Männer Boule oder Pétanque – ich kenne mich da leider nicht so aus – spielen, liegt die alte Gendarmerie, Drehort aus den Filmen. Ein paar andere Touristen (Fans) machen vor der alten Holztür Fotos. Wir warten, bis sie fertig sind, um unsere eigene Fotosession zu starten. Der Mann ist jetzt in seinem Element. Groß wie er ist, baut er sich vor der Tür auf und ahmt die Mimik und Gestik von Louis de Funès nach. Berühmt berüchtigt ist sein Ausspruch: „Nein!? Doch!! Oh!!!“

Der Mann versteht es sehr gut, sich in Szene zu schmeißen und den Geist von Louis de Funès wieder aufleben zu lassen. So langsam bekomme auch ich ein Gefühl für französischen Humor. Letzten Endes haben wir den „Gendarm von Saint-Tropez“ gefunden – er ist mit mir verheiratet und sitzt auf dem Weg ans Ende der Welt im Auto neben mir.

Diesen Text hatte ich zum Reisereportagen-Wettbewerb von The Travel Episodes eingereicht. Leider hat er es nicht auf die Shortlist geschafft, aber ich bin neugierig auf die spannenden Geschichten anderer Autoren.

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